Anfang Juli 99 kamen Aquino (und ihr Weidegenosse Gangster) in den Offenstall. Die Herde bestand zu diesem Zeitpunkt aus 6 Pferden, der Stall selbst war an zwei Seiten offen und hatte eine Größe von ca. 5 x 10 Meter. An der langen geschlossen Seite war eine Heuraufe die sich über die ganzen 10 Meter erstreckt, so konnten alle Pferde problemlos gleichzeitig fressen. Heu stand rund um die Uhr zur Verfügung.
Der 1. Tag: Wir ließen die beiden gleich zu den anderen Pferden auf die Koppel, wobei es kaum Probleme gab. Die Pferde haben sich beschnuppert, hier und da gab es mal eine kleine Auseinandersetzung, aber im Großen und Ganzen verlief es relativ ruhig. Nach ein paar Minuten haben die beiden abseits von den anderen zu grasen angefangen...
Der 2. Tag : Man merkt wenig von Rangkämpfen, die Pferde stehen nebeneinander unter dem Dach. Als ich Aquino rausholen wollte, ist sie rumgetänzelt, gestiegen, wollte sich losreißen und hat mich manchmal fast umgerannt. Hufe auskratzen, putzen oder sogar satteln war so gut wie unmöglich. Sie hat die ganze Zeit gewiehert und war erst wieder ruhig als ich sie wieder zu den anderen gelassen habe. Der Gangster war auch nicht grad die Ruhe selbst, wenn auch wesentlich ruhiger als Aquino, aber auch ihn habe ich noch nie so erlebt. Soviel zum Thema ruhige und ausgeglichene Offenstallpferde.
Die erste Woche:
Die Rangordnung war immer noch nicht festgelegt, es gab öfters
Rangkämpfe und Aquino hatte verhältnismäßig viele Verletzungen.
Der Gangster aber, hatte so gut wie gar keine Verletzungen. Er hatte sich in kürzester Zeit
wunderbar in die Herde intigriert. Sein Verhalten hatte sich wieder etwas gebessert, er war schon fast wieder
wie früher.
Aquinos Verhalten dagegen hat sich aber eher noch verschlechtert als gebessert. Sie hat
gesponnen wie ich sie noch nie erlebt hatte.
Die nächsten drei Wochen:
Aquino hat gefährlich viele
Verletzungen. Man bemerkt, dass es besonders ein Wallach (Krabat), der mitunter
schon am längsten im Stall ist, auf sie abgesehen hat.
Ihr Verhalten hat sich dahingehend gebessert, dass sie nur noch spinnt, wenn die
anderen Pferde nicht im Stall, sondern irgendwo auf der Weide und damit weiter weg
sind. Glücklicher Weise sind die Pferde wegen den Insekten aber meist im Stall
und ich habe wenigstens die Möglichkeit die Verletzungen richtig zu versorgen.
Auch als einmal der Tierarzt kam, weil ich bei einer Schwellung am Hinterbein einen
Einschuss befürchtet hatte, war sie ruhig (was bei Aquino gar nicht so
selbstverständlich ist, denn sie ist sonst nicht unbedingt das einfachste Pferd beim
Tierarzt).
Tja, was sollte ich machen? Ich hatte keine Ahnung, ob sich das alles noch zum Guten wenden würde.
Da mir die anderen Leute aus unserem Stall aber sagten, dass es bei ihren Pferden ähnlich
war(wenn auch nicht so extrem wie bei Aquino), entschied ich erst mal zu bleiben.
Der nächste Monat:
Der Stall wurde nun dahingehend umgebaut, dass die bisher offenen Seiten mit Strohballen
verschlossen wurden und zwei Eingänge gelassen wurden.
Aquino hatte nun zwar fast keine Verletzungen mehr, aber sie war jetzt das zweit rangniedrigste
Pferd. Nun stellt sich sicher die Frage, wer denn das rangniedrigste Pferd war, es war die
andere Schimmelstute (Gina), die schon seit April da war.
Gangster hatte seinen Platz übrigends im oberen Mittelteil der Rangordnung gefunden.
Da bei ihm jetzt eigentlich nichts bemerkenswertes war, werde ich von nun an auch
nicht mehr von ihm erzählen.
Jedenfalls hatte die Aquino (und auch die Gina) nun das Problem, dass sie nicht mehr in
den Stall gelassen wurde. Bestenfalls stand sie im Eingang, wurde da aber des öfteren
von den andern (besonders von Krabat) weggejagt.
Tja, das nennt man vom Regen in die Traufe kommen. Das Problem mit den Verletzungen war endlich
erledigt, ihre Spinnereinen waren auch recht selten, aber wenn sie nicht in den Stall darf ist
es schlecht.
Nun war die Frage, wird sie irgendwann in den Stall dürfen? Spätestens im Winter
muss sie in den Stall oder es gibt Probleme.
Ich hab einige Leute gefragt, was sie dazu meinen, die einen sagten, dass sie bis zum Winter
sicher in den Stall darf, die anderen sagten, dass ich es vergessen könnte weil sie nach
zwei Monaten schon längst keine solchen Probleme mehr haben darf, es wird sich
nie ändern. Was soll ich also machen. Ich entschied mich zu warten, war aber doch schon
auf der Suche nach einem anderen Stall. Ich wurde allerdings nicht fündig. Die
Ställe die ich gut fand waren zu weit weg und bei näheren Ställen gab es
immer irgend ein Problem. Und eigentlich wollte ich nicht weg. Ich selbst fühlte mich nämlich
sehr wohl dort... ich hätte nie gedacht, dass ich mich überhaupt noch mal
in einem anderen Stall als in unserem Vorherigen wohlfühlen würde.
Wieder einen Monat später:
Es hat sich nicht allzu viel geändert.
In den Stall darf Aquino immernoch nicht. Sie versteht sich ausserhalb des Stalls zwar wunderbar
mit den anderen, aber das ändert nicht viel. Ich kann aber trotzdem sorglos dem Winter
entgegensehen, wir haben eine Lösung gefunden. Falls es sich bis zum Winter mit
unseren beiden Schimmeln immer noch nicht gebessert hat, wird ein Teil des Stalles und
der Weide abgeteilt und Aquino und Gina haben dort ihre Ruhe.
Wo jetzt keine Insekten mehr da sind stehen die Pferde oft auf einer Koppel von der aus
sie keinen Zugang zum Stall haben. Wenn ich Aquino von hier holen will, spinnt sie
immernoch. Es ist so gut wie unmöglich sie von dieser Koppel zum Stall
zu führen. Aber auch das muss sein und es geht nur mit Führkette. Aquino und
ich haben ganz offensichtlich ein Rangordnungsprobelm. Und dieses ist entgegen
weitverbreiteter Ansicht nicht unbedingt leicht (mit Gewalt?) zu bekämpfen.
Ich gehe diesen Monat wieder hin und wieder Reiten, allerdings erst mal mit jemand
anders zusammen, denn alleine sind wir noch nicht so ganz "fit".
Es ist Oktober:
Hin und wieder sehe ich Aquino mit den anderen im Stall,
meist aber doch nur wenn der Krabat nicht da ist. Es hat sich also immernoch nicht allzu
viel geändert, aber immerhin, es wird. Besonders gegen Ende des Monats steht sie
immer öfter drinnen, wenn auch nicht allzu lange, aber immerhin.
Wenn ich sie von der hinteren Koppel holen will, hat sich noch nicht viel geändert,
aber es geht doch schon etwas besser. Ich reite jetzt manchmal auch alleine aus, mal
geht es besser, mal schlechter. Aber es wird.
Und es wird langsam Winter... der November ist da: Aquino steht schon öfters im Stall, aber so 100%ig sicher ist es immer noch nicht. Mitte November wird dann der Stall in zwei Teile geteilt, die Koppeln werden vorerst aber noch nicht abgesteckt. Es geht jetzt schon realtiv gut, ich sehe Aquino öfters im Stall. Einmal hat mir eine andere Pferdebesitzerin erzählt, dass Aquino mal mit mehreren anderen Pferden zusammen im kleineren Teil des Stalles stand und es gab keine Probleme. Sie stand in ihrer Ecke und hat gefressen, die anderen haben es akzeptiert. Allerdings war Krabat gerade im andern Teil des Stalles, wäre er da gewesen und hätte Aquino angegriffen, wäre es gefährlich geworden. Tja, das Ganze war aber trotzdem noch mit Vorsicht zu genießen und weil die Gina so gut wie nie die Möglichkeit hatte in den Stall gehen zu können, wurde dann das Stück Koppel für die beiden Schimmel abgeteilt. Trotz der Tatsache, dass es vielleicht mit Aquino auch so gegangen wäre, war es sicher besser. Vor allem für Gina. Sie kann endlich auch in den Stall und wir können uns sicher sein, dass die Pferde im Winter nicht draußen stehen müssen.
Dezember:
Entgegen unserer anfänglichen Befürchtungen,
dass Aquino jetzt die Gina vielleicht rausschmeißen würde, geht es wunderbar.
Sie können immer sicher rein, Gina kann sich sorglos hinlegen, Aquino auch
(Das sieht man jetzt an der Farbe der Schimmel *g*). Und einmal ist der Krabat als er seiner
Besitzerin gerade durch Aquinos und Ginas Koppelstück gefolgt ist, unbeabsichtigt
(er selbst hatte es schon beabsichtigt) zur Aquino in den Stall gelaufen. Ich hatte schon
Schlimmstes befürchtet und erwartet, dass die Aquino gleich panisch aus dem Stall
springt, als aber der Krabat plötzlich wieder raus kam. Diesmal hatte Aquino ihn
rausgejagt... der alte Höhlenkomplex von früher kommt wohl langsam wieder *g*.
Und das Reiten geht auch schon wieder so gut wie früher (sogar besser?). Sie ist nicht mehr
so schreckhaft und ich kann hab wieder angefangen mit ihr einigermaßen sinnvoll zu arbeiten.
Unser kleines Rangordnugsproblem gibt sich auch wieder und es ist wieder wie früher...
sogar noch ein bisschen besser.
Also, sehen wir, was der nächste Frühling bringt... Aquino und Gina haben dann ja
wieder den ganzen Sommer Zeit...
Warum das alles? Wieso hatte der Gangster keine Verletzungen und Aquino hatte so viele? Tja, schwer zu sagen. Es kommt sicher auf den Charakter des Pferdes an, ob es sich so, oder so in die Herde intigriert. Aquino kam an, war gewöhnt immer die Ranghöchste zu sein und war der Meinung diesen Platz auch hier zu erreichen. Eben mit Gewalt (denke ich villeicht schon zu menschlich?). Es gibt die art von Pferden, die kommen in eine Herde und sind ohne jegliche Rangkämpfe die Leitpferde. Diese Pferde sind dann meist noch bis ins hohe Alter die Ranghöchsten, auch wenn sie sich schon längst nicht mehr verteidigen können. Die anderen sind Pferde wie Aquino die nur mit "Gewalt" ranghoch werden. Solche Pferde müssen sich dann in Herden wie unserer zwangsweise unten Einordnen und das sieht dann so aus wie bei Aquino. Ich denke, ein anderer Grund ist auch, dass sie das richtige soziale Herdenverhalten mehr oder weniger verlernt hatte. Sie stand ja immer nur mit ein oder zwei anderen Pferden zusammen und dann relativ viel allein im Stall. Das auch sie vor Ranghöheren weichen muss, hatte sie nicht von Anfang an begriffen. Gangster hatte das wohl eher drinnen und er gehört wohl auch eher zum ersten Typ von Pferden, wenn er auch nicht das Leitpferd geworden ist.
Aquino hatte in der ersten Zeit stark abgebaut, sie war dünn geworden, hatte eben die vielen Verletzungen und sah richtig schlecht aus. Aber, das war eben die plötzliche Umstellung, auf ein mal hatte sie keine Box mehr in der sie in Ruhe fressen konnte, es waren rund um die Uhr andere Pferde um sie und sie musste eben plötzlich in einer Herde mit Rangordnung leben. Das war sicher nicht einfach. Man kann es den Pferden einfacher machen, wenn man sie in der ersten Zeit doch noch Nachts in eine Eingewöhnugsbox stellt. Es ist sicher kein Fehler. Nur man hat nicht immer die Möglichkeit dazu. Naja, es ist jetzt auch so gegangen. Und als die schlimmste Zeit überstanden war und Aquino sich an alles gewöhnt hatte, sah sie sehr viel besser aus als früher noch im normalen Stall. Sie sah richtig gesund und zufrieden aus. Es hört sich schon komisch an, wenn ich sage, dass sie gesünder und zufriedener aussieht, zumal man ihr früher nicht direkt angesehen hat, dass sie etwa ungesund und unglücklich war. Ich denke, sie wird sich auch nicht so gefühlt haben, da sie einfach alles so und nicht anders kannte. Jetzt merkt man aber wirklich, dass es das einzig richtige war, sie in den Offenstall zu stellen. Auch wenn die Umstellung sehr schwer war. Wir haben zum Glück nicht aufgegeben. Und Aquino ist jetzt das glücklichste Pferd der Welt (wenn man das so ausdrücken kann). Sie nun wieder in einen normalen Stall zu stellen wäre mit Sicherheit sehr viel schwieriger.
Warum Aquino so gesponnen hat? In den ersten Tagen oder Wochen sind alle Pferde nicht grad ruhig gewesen. Sie waren eben der Meinung, dass in der Rangordnung etwas ohne sie ausgemacht wird, wenn sie nciht da sind. Das schlimmste war ja auch vorbei, als Aquinos Platz in der Herde festgelegt war und sie sich daran gewöhnt hat dem Ranghöheren zu weichen. Die Probleme die wir dann noch hatten kamen vermutlich einzig und allein daher, dass sie keinen "Bock" hatte von der Herde weg zu gehen, mich nicht als Ranghöheren akzeptierte und mich deswegen auch nicht respektierte. Ich hatte während der Zeit in der die Herde ihre Rangordnung festgestellt hat, einfach versäumt meinen Platz klar zu machen und Aquino sah mich als rangniedriger an. Das kann dann gefährlich werden (wurde es auch).
Nachwort:
Gangster ist ein Beispiel dafür, wie leicht die Umstellung
in den Offenstall sein kann und Aquino ist ein Beispiel wie schwer es sein kann. Es wird sich
zeigen, wie es im nächsten Frühling geht, wenn die Pferde wieder alle
zusammen sind. Wahrscheinlich wird es nicht von Anfang an gut gehen, aber ich bin mir relativ
sicher, dass sie den nächsten Winter in der Herde verbringen kann.
Gina ist ein Einzelfall. Sie ist ein sehr rangniedriges Pferd (im Gegensatz zu Aquino ist sie es
auch schon immer gewesen) und es wird möglicher Weise auch weiterhin Probleme geben.
Sie hat auch nie wirklich versucht in den Stall zu kommen. Sie hat von Anfang an
akzeptiert, dass sie nicht in den Stall darf. Sie hat auch nie wie Aquino Probleme beim von
der Weide holen gemacht. Sie hat allem kaum Beachtung geschenkt. Auch auf der Weide
steht sie so gut wie nie mit den anderen in der Herde. Sie ist immer abseits. Gina ist mir
ein Rätsel, oder eben nicht. Bei ihr scheint es nie anders gewesen zu sein.
Wie es weiter geht? Fortsetzung auf der nächsten Seite:-)