Unser Wanderritt

Am 26. 4. 2004 war es endlich so weit. Wir, also Aquino und ich und meine Reitpartnerin Silvy mit Caniossa sind zu unserem ersten Wanderritt aufgebrochen. Am Morgen schrieb ich noch schnell meine schriftliche Abiturprüfung in Kunst, hatte nebenher noch geschwind Geburtstag und hetzte dann in den Stall wo wir unsere 2 Schimmelzicken sattelten. Silvy hatte, während ich im Abi Stress war, die Quartiere rausgesucht und eine grobe Strecke bestimmt, die scheinbar auch meinen „sehr realistischen“ Anforderungen an die Strecke entsprach. Ich wollte keine großen Straßen, keine hohen Autobahnbrücken und keinen größeren Ort durch den wir reiten müssen.

So ritten wir also los mit dem festen Vorsatz, nicht früher als geplant wieder da zu sein und wenn wir auf dem Nachbarhof übernachten würden.

Als Quartier für die erste Übernachtung war der Stockfelder Hof geplant. So ritten wir also Richtung Wahlwies los, den schnellsten Weg aus unserem bekannten Ausreitgelände weg. Schon nach einer halben Stunde kamen wir in ein Gelände in dem wir uns nicht mehr auskannten. Dort irrten wir dann ein bisschen rum, der Weg den wir eigentlich nehmen wollten, war mit einem Reitverbotsschild gesperrt und so gelangten wir dort in einen kleinen Ort, durch den eine sehr schnelle Straße führte, die wir nicht überqueren wollten.

Also fragten wir dort einen netten Bauern, an einem steilen Stück Straße stehend, der eigentlich auch keine Ahnung hatte. Er erklärte uns aber mit den auf der steilen Straße nicht ganz so geduldigen Pferden etwa 20 Minuten lang, geduldig alle Möglichen und Unmöglichen Wege, was wir uns so schnell auch nicht wirklich merken konnten. Wir ritten dann einen Weg entlang den scheinbar die Reiter aus Wahlwies immer entlang geritten sind. Auf diesem gelangten wir dann wieder fast bis ins eigene Ausreitgelände zurück, groben Schätzungen nach war das ein Umweg von etwa einer dreiviertel Stunde. Silvy meinte nun den Weg zu kennen und während ich noch sagte, das mir alles egal ist, solange wir nicht über eine Autobahnbrücke müssen, tat sich diese auch schon vor uns auf.

Gut, man war ja schon genervt von der Wegsuche, also stieg ich ab und führte mein Pferd darüber, denn wenn Aquino sich schon in die Tiefe stürzen will, dann soll sie das gefälligst ohne mich tun! Gut, es hat sich niemand in die Tiefe gestürzt, also ging der Ritt weiter und führte uns bald an eine weitere Attraktion: Den Autobahnzubringer von Stockach im Berufsverkehr.

Da standen wir nun also auf einem sehr schmalen Fahrradweg und diskutierten über die Frage ob wir da jetzt rüber müssen. So fragten wir also einen älteren, bäuerlich aussehenden Fahrradfahrer der uns nun wieder einmal bereitwillig und geduldig etwa 20 Minuten lang den Weg erklärte und sich auch nicht davon stören ließ das unsere Pferde sich gerade gegenseitig umbringen wollten. Wenn wir gleich gewusst hätten, dass 100 Meter weiter eine Unterführung ist die uns wenigstens ansatzweise auf den richtigen Weg bringen konnte, hätten wir sicher eine halbe Stunde gespart.

So ritten wir also wieder weiter und hofften nun auf ein erholsames Stück Weg. Auf einer Mischung zwischen einer Baustelle und einem Steinbruch ritten wir also gemütlich an der Autobahn entlang, bis wir tatsächlich in ein wunderschönes Wäldchen kamen das uns auf verwunschenen Wegen, nun zum Glück unter der Autobahn, durchbrachte (vorher am Autobahnzubringer sind wir nämlich wieder auf die andere Seite der Autobahn geraten, auch unten durch). Hier gab es einen wunderschönen Brunnen, neben dem auf einem Baumstumpf eine Hexe saß.... EINE HEXE?????????? Also sie war aus Holz, aber fragt mich nicht was die da gemacht hat. Jedenfalls waren es mal ein paar schöne, erholsame Meter. Die Betonung liegt auf „ein paar Meter“, denn es dauerte nicht mal eine viertel Stunde, bis wir die Ortsgrenze von Nenzingen passierten. Nachdem wir nun also die Autobahnbrücke und die große Straße hatten, schien sich der Ort nun also anzuschließen.

Aber davor gab es ja noch einen Bahnübergang, an dem gewisse Pferde aus unserer Gruppe ihre Verwandtschaft mit gewissen Eseln namens Apollo 1-13 demonstrieren mussten (der Schuh des Manitu). Diese wurden alle vom Zug überfahren, weil sie mitten auf der Bahnlinie feststellten das sie jetzt keine Lust mehr haben. Gut, die Pferde entsinnten sich dann doch eines besseren und wir ritten weiter, bis wir auf die sehr stark befahrene Hauptstraße gelangten (auch wieder im Berufsverkehr). Dort war ich dann froh, das ich wieder mal meinem Prinzip gefolgt bin in Orten abzusteigen und zu führen, denn ich zumindest kann, wenn neben mir plötzlich ein Rolladen runtergelassen wird, größere Sprünge meines Pferdes vom Boden aus besser verhindern als aus dem Sattel. So kamen wir also auch durch diesen Ort ohne größere Unfälle und der Ritt führte uns dann über Wiesen und durch Wälder, tatsächlich noch gemütlich bis an unser Etappenziel den Stockfelder Hof. Wir kamen dort im Abendrot an.


Wir versorgten dann die Pferde, eine zufriedene Caniossa und eine sichtlich missgelaunte Aquino die ihren Unmut über diese unkomfortable Gitterbox, ohne Ohren, mit ein paar Andeutungen des Box zerlegen wollens, kundtat. Als die Pferde gut versorgt waren, bezogen wir mit unserer Fahrerin Christiane die Zimmer. Ich wollte dann also noch schnell gemütlich duschen. Von Glück kann man sagen das ich so voraussichtig bin, bevor ich die Dusche betrete, erst mal kurz das Wasser laufen zu lassen, sonst hätte mein letztes Stündchen nämlich geschlagen. Die Gefahren lauern nämlich nicht nur an Autobahnen und auf Bahnlinien, nein, das gefährlichste sind die riesengroßen Hauswinkelspinnen die im Abfluss von Duschen auf ihre ahnungslosen Opfer lauern. Zum Glück war ich noch nicht in der Dusche als das Ungetüm auftauchte, ich hätte mir vor Schreck alle Knochen gebrochen.

Nach dieser gruseligen Episode konnten wir nun also gemütlich ins Reiterstüble gehen wo ich mit Silvy, Christiane, ihrer damaligen Reitbeteiligung und MIR endlich meinen Geburtstag feiern konnte. Ich bekam übrigens meine wunderschöne, spanische Zäumung bzw. einen Gutschein dafür, Silvy brachte sie mir dann aus ihrem Spanien Urlaub mit.



27.4. 2004 - 2. Tag

Am nächsten Morgen bezahlten wir bei der Hofleitung unsere Rechnung und ich gab meinen Schlüssel ab. Wir sattelten dann wieder das neutral gelaunte und das sehr schlecht gelaunte Pferd. Letzteres sprang beim putzen nur so hin und her so das ich schon reif fürs Irrenhaus war. Endlich ritten wir los, die Laune des schlecht gelaunten Pferdes besserte sich, vermutlich hoffte es nach Hause zu kommen. Dem war zwar nicht so, aber ihr das schon zu Beginn des Rittes zu sagen wäre vielleicht keine gute Idee gewesen.

Wir ritten nun also los Richtung Eigeltingen, vorbei an dem Golfplatz. Mir schwebten schon Bilder vor den Augen, wie ein wild gewordener Schimmel den gut gepflegten Rasen umpflügt, glücklicherweise blieb es beim Gedanken.

Es war klar das wir Eigeltingen durchqueren würden. Zu unserer Freude, man glaubt es kaum, gibt es durch Eigeltingen einen Feldweg der beidseitig mit Bäumen bewachsen ist. Ob man den reiten darf? Na ja, stellen wir die Frage ein anderes mal. Jedenfalls macht dieser Ort nahezu Spaß zum durchqueren. Bis wir am Ortsende an dem bekannten Ausflugsziel Lochmühle angekommen sind und dort erst mal von einer Herde Ponys und EINEM ESEL, alles freilaufend, versteht sich, begrüßt wurden. Mal abgesehen davon das mein missgestimmtes Riesenpony ihre kleinen Verwandten gar nicht mag, EIN ESEL könnte wirklich zu größeren Problemen führen wenn er dann nicht die Klappe hält. Ich stellte mir also vor wie ich mit dem Riesenpony in einer immer höher werdenden Geschwindigkeit von einem IIII- AHHHH schreienden Esel verfolgt würde.

Erfreulicher Weise war der Esel aber sehr zurückhaltend und hielt „Gott sei Dank“ auch seine Klappe. So mussten wir uns nur mehrere Shetlandponys fuchtelnd und keifend vom Hals halten.

Auch diese Hürde war genommen und wir ritten gemütlich durch den Wald. Am anderen Ende dieses Waldes stellte Silvy dann nach etwa einer Stunde Reitzeit fest, das wir ja gleich da wären und beschloss noch den schönen Weg da links zu reiten.

Der Weg war auch wirklich sehr schön, nur er führte schon irgendwie in die falsche Richtung. Wir glaubten dann aber doch über andere Wege wieder auf Kurs zu sein und ritten auf einen Ort zu. Ich sagte: „das kenne ich von irgendwo her.... ob das Aach ist?“ Silvy meinte: „Nein, das kann nicht sein, weißt du wo Aach liegt? Das ist ja die ganz falsche Richtung. Das wird Wasserburg sein“... Wir kamen näher an das Ortsschild und ich sagt: „ Also, was da drauf steht hat nur 4 Buchstaben, gibt es noch andere Orte mit 4 Buchstaben?“ Silvy meinte: „ Nein, gibt es nicht, aber das kann nicht Aach sein, wenn das Aach ist können wir unser Tagesziel vergessen.“

Es war natürlich Aach und die Realität war so das wir etwa 10 km in die falsche Richtung geritten sind. Gut, wir waren bis dahin 2 Stunden unterwegs. So standen wir also am Ortsschild und sammelten unsere Gedanken, als Silvy den Entschluss fasste, uns „koste es was es wolle“ ans Ziel nach Liptingen zu bringen. Wir ritten also auf einem Fahrradweg bis wir rechts ins Wasserburger Tal kamen, wo wir auf der sehr unübersichtlichen und nicht mal wenig befahrenen, aber schmalen Straße ritten und auf der rechten Seite einen gemütlichen Weg sahen, den wir leider verpasst hatten und der so auch nicht mehr erreichbar war.

Ansich war es dort ja ganz schön in diesem Tal, zwischen den verwunschenen Felsen, zumal wir doch wieder ein Stück in Richtung Ziel gelangt waren.

Doch dann hörten wir immer lauter werdend ein großes Fahrzeug auf diesem schmalen Weg immer näher kommen. Wir waren gerade in einer unübersichtlichen Kurve mit einem steilen, undefinierbar tiefen Hang auf der rechten Seite. Ich verabschiedete mich schon mal von der Welt als der Lastwagen mit überhöhter Geschwindigkeit um die Kurve kam. Er bremste scharf, mein Pferd guckte blöd, aber alles war in Ordnung bis im bremsen dieser laute, Lastwagen typische Luftstoß kam. Aquino sprang darauf hin Richtung Hang und merkte erst dass das nicht die beste Idee war, als sie gerade noch so mit den Vorderbeinen oben hing und vor sich hin strampelte um doch wieder hoch zu kommen, vor den mittlerweile stehenden Lastwagen. Wir kämpften uns also wieder hoch, alle 3 Kreidebleich, also der Lastwagenfahrer, Aquino und ich. Gut, also diesen Schock würden wir wohl alle nicht so schnell vergessen und wir verabschiedeten uns mit einem Handzeichen, erleichtert das es keine schwer Verletzen gab.

Nach ein paar Minuten fanden wir nun also endlich eine Möglichkeit von der Straße weg zu kommen auf einen Waldweg. Von dort aus sahen wir das es von diesen Lastwagen wohl ein Nest geben müsse, denn es fuhren einige auf der Straße die wir noch mal kurz, aber glücklicherweise ohne größere Vorkommnisse bereiten mussten.


Wir ritten dann nach rechts auf einen kleinen Landwirtschaftsweg und wollten nach Hohnstetten kommen. Silvy entdeckte dann auf der Karte einen Weg der nach links abging und den wir dann meinten ausgemacht zu haben. Es war ein einladend aussehender Wiesenweg. Diesen ritten wir dann also, bis ein kleinerer Baum schräg über den Weg hing. Links ging es steil bergab, rechts steil bergauf. Gut, es geht nicht anders und man ist ja geländegängig. Wir stiegen also ab und mit hochheben des Baumes konnten Silvy und Caniossa gerade so drunter durch kommen. Dann rutschte leider der Baum etwas weiter nach untern und der Weg war nun weitaus mehr von Ästen versperrt. So standen Aquino und ich auf der einen Seite des Baumes, Caniossa und Silvy auf der anderen. Gut, was bleibt uns also anderes übrig als irgendwie zu versuchen da durch zu kommen. In den nächsten Minuten konnte man also eine Isa beobachten die an einem Baum rumzerrte, mit verzweifelten Versuchen von Silvy, mitzuhelfen. Aquino fand diese Szene recht lustig, aber auch irgendwie nervig und versuchte, tatkräftig zu helfen indem sie mich anstupste und sich an mir scheuerte. Wir kamen dann dazu, das ich versuchte den Baum mit beiden Armen anzuheben und Silvy drüben den Zügel von Aquino nimmt und sie „durchzieht“. Soweit so gut, Aquino fand die Idee auch ganz gut und ich, stark wie ich bin, schaffte es sogar den Baum weit genug anzuheben. Das klappte soweit, bis sich eine Liane um das Sattelhorn geschlungen hatte. Aquino merkte das aber und ließ sich auch bereitwillig einen Schritt rückwärts richten, so das ich mit einer Hand, die andere stützte immernoch den Baum unter dem Aquino nun festhing, die Liane lösen konnte. Weiter ging es und drüben waren wir.

Gut, nach ein paar Metern des Weges standen wir dann auf einer Wiese und sahen den Weg von einem Kuhzaun versperrt. Wir gönnten den Pferden eine Pause zum grasen, während eine von uns geguckt hat ob es nicht doch irgendwie weiter ginge. Wir kamen dann leider zu dem Ergebnis das wir wohl ZURÜCK (!!!) müssen.

Nein, keine Sorge, das befürchteten wir auch, aber wir mussten nicht noch mal unter dem Baum durch sondern konnten das Waldstück ganz bequem auf einer Wiese umgehen. So waren wir also, nach einer halben Stunde wieder auf dem gleichen Weg wie vorher, nachdem wir in dieser Zeit eine Schleife zurückgelegt haben, für die man normalerweise vielleicht 5 Minuten braucht. Wir ritten also weiter, fanden auch den richtigen Weg, kamen durch einen Hof, wo ich das erste Mal den Kommentar brachte: „Nach all dem was wir bis jetzt erlebt haben, kann uns so ein kleiner Hof nicht mehr erschrecken“... und wie auf Kommando sprang Aquino hysterisch zur Seite. Man sollte nie positiv denken. Langsam aber sicher ereilte uns der Gedanke das es mal Zeit wäre einen Brunnen für die Pferde aufzusuchen. Leider war bis jetzt noch keiner in Aussicht, aber wir kamen ja langsam auf Hohnstetten zu. Am Ortsanfang von Hohnstetten sahen wir dann auch, wo das Nest mit den Lastwagen war, sie schütteten neben der Kirche irgendwas auf, machten aber glücklicherweise gerade Feierabend. So ritten/führten wir also in den Ort und plötzlich sprach uns von der Seite ein Autofahrer mit Sonnenbrille, Anzug und Krawatte, in einem gut gepflegten Oldtimer an. Er fragte wohin wir gehen und ob wir ein Quartier suchen, er hätte einen Stall in Hohnstetten. Wir waren recht verwundert, denn dem Auftreten nach hätten wir ihn nicht ohne weiteres in die Sparte Pferdebesitzer eingeordnet.

Trotzdem bedankten wir uns und sagten ab, schließlich hatten wir unser Quartier ja schon bestellt und hatten unsere Gedanken gerade bei der Suche eines sprudelnden Brunnens.

So fuhr der Autofahrer weiter und wir suchten den Brunnen, sahen ihn und warfen kurz vorher noch mal einen Blick in eine Seitenstraße in der wir eine schöne Villa sahen, wo der Autofahrer von eben gerade seinen roten Ferrari putze. Da wurden wir dann aber doch neugierig.

Aber der Brunnen war erst mal wichtiger, das fanden auch unsere Pferde, die erst mal ausgiebig ihren Durst stillten und dann mit uns eine Wasserschlacht begannen, die darin ihren Höhepunkt fand, das Aquino der Meinung war, das sie da jetzt rein steigt. Da ich anderer Meinung war, verhinderte ich das, wobei Aquino einen Meter seitlich rückwärts ging und an einen Betonpfeiler kam. Dieser veranlasste sie zu einem Sprung in die Höhe, der dazu führte, dass sie beim runterkommen mit dem Schwung von 600 kg im freien Fall mitten auf meinem Fuß landete. Ich hüfte erst mal ein bisschen auf einem Bein, Aquino sah man an, dass das eigentlich gar nicht ihre Absicht war und als ich mich dann ein bisschen beruhigt hatte führten wir unsere doch sehr erleichternde Wasserschlacht zu Ende.

Als wir uns dann erfrischt von dem Brunnen abwendeten, übermannte uns dann die Neugierde und wir steuerten dann doch die Villa an. Draußen stand immer noch der Fahrer des Ferraris und war gerade dabei, aus einem Kanister, Benzin in das Auto zu kippen als wir ihn mit den Worten „Hallo, gibt es auch etwas Benzin für unsere weißen Ferraris?“ begrüßten. Wir unterhielten uns ein bisschen und spekulierten über die Rasse der Pferde die er in diesem Haus angeblich hält. Meine Vermutungen gingen in Richtung Kladruber oder wenigstens Friese, aber wirklich glaubte ich nicht dass da Pferde drinnen waren. Er lud uns dann ein mit unseren Pferden in den Stall zu kommen und Silvy verschwand in einer Türe, während ich noch sagte, dass sie da doch nicht rein gehen kann, dann stehen wir ja mit den Pferden im Wohnzimmer. Da mir nicht viel anderes übrig blieb, folgte ich ihr und siehe da, wir standen tatsächlich in einem Stall mit mehreren schönen, großen Boxen die von ein paar handelsüblichen deutschen Warmblütern bewohnt wurden. Eine Box war noch frei und Silvy führte Caniossa da rein und ich folgte mit Aquino. Dann nahm Silvy ihrer Stute die Trense ab und ich guckte etwas verdutzt weil ich glaubte dass das nicht die beste Idee war, da unsere Pferde in letzter Zeit ein paar kleine Aggressionen gegeneinander hegten. Aber wenn sie meint, ich nahm also auch Aquino die Trense ab und die beiden verhielten sich ruhig. Dann bekamen sie ein bisschen Heu und futterten gemütlich während wir uns unterhielten und uns den Weg zu unserem Quartier erklären ließen, denn hier wollten wir ja eigentlich nicht bleiben (wenn es auch schön gewesen wäre, aber beide Pferde in einer Box? Oh je... ), zumal wir ja auch schon erwartet wurden.

Wir waren mit dem Gespräch schon dem Ende zu als Aquino und Caniossa sich ihrer Probleme entsannen und wie auf Kommando als wir sagten: „Die Beiden vertragen sich ja so gut“, trat vermutlich Aquino ein paar mal nach Caniossa und traf sie am Oberschenkel. Wir beendeten die Streiterei recht geschockt, guckten Caniossa an, ob was passiert ist, aber es ging ihr scheinbar gut. Also verabschiedeten wir uns und ritten weiter.

Der Weg führte uns den Berg hinauf zu einem anderen Ort, durch den Wald. Und wie wir so dahin ritten fragte Silvy plötzlich erschrocken: „ Hast du den Schlüssel vom Stockfelder Hof abgegeben? Ich habe meinen noch“. Wie wir ja wissen hab ich meinen Schlüssel abgegeben, aber Silvy hatte das wohl vergessen. Naja, das ist natürlich unangenehm, zurückreiten wollten wir jetzt auch nicht mehr, also würden wir hoffen das der Schlüssel nicht so schnell gebraucht würde und ihn jemandem mitgeben oder selbst nach dem Wanderritt zurückbringen. Wir ritten also in dem Ort an einigen Häusern vorbei, als uns aus einem Grundstück jemand ansprach. „Hallo, wie geht’s, ihr seid aber lange unterwegs.“ Ich dachte so bei mir, das wird wohl eine Bekannte von der Silvy sein, sie sich mit der Frau unterhielt und wieder den Weg erklären ließ, als mir und langsam aber sicher auch der Silvy, die diese Frau auch noch nicht gleich einordnen konnte, klar wurde, dass es sich hierbei um die Betreiberin der Reiterstübles vom Stockfelder Hof handelte. Sie hatte uns mit unseren Pferden erkannt, aber wir sie nicht weil wir sie hier nicht erwartet hätten.

Unser Schlüssel Diebstahl war wohl noch nicht bemerkt worden, aber so hat das Schicksal uns doch gleich die Möglichkeit gegeben den Schlüssel auf relativ schnellem Wege wieder dem Eigentümer zukommen zu lassen. Welch ein Zufall. Die Dame war jedenfalls verwundert uns so viele Stunden nach Abritt noch mit den Pferden unterwegs zu sehen. Wir erklärten ihr dann unsere etwas chaotische Wegfindung und Ritten weiter durch den Ort, wo wir zwar trotzdem nicht wussten wohin, aber wir ritten einfach mal einen Weg entlang der sich gerade anbot und grüßten auch nur von weitem freundlich den Bauern der schwer danach aussah als ob er uns gerne und interessiert noch einmal den Weg erklären wollte. Wir waren ja spät dran und erfahrungsgemäß wissen wir ja, das diese gut gemeinten, geduldigen Erklärungen viel Zeit in Anspruch nehmen und uns trotzdem nicht weiterhelfen. Uns wurde vorher ans Herz gelegt, einfach quer über die Wiesen zum Wald zu reiten und das fingen wir dann auch an, bis wir zu einem Weg kamen der auf einen Hof zuführte. Der Himmel bewölkte sich langsam, es wurde düster, von Fern hörte man ein leises Donnern. Wir ritten auf den Hof zu, die Pferde wurden unruhiger, wir trieben sie weiter weil wir glaubten über den Hof hinüber zu kommen. Auf dem Hof waren alle Fensterläden verschlossen... es donnerte. Links sahen wir in einem Käfig in der Wand, darin einen Hahn der uns genau ansah. Ansonsten schien es hier kein Leben zu geben. Ein verwunschenes Haus von dem man sich nur ungerne die Besitzer vorstellte, zumal der Weg nicht weiter ging und wir hier ja gar nicht sein durften. Der Wind fing an zu blasen, ein stärkerer Windstoß... Die Pferde waren sehr unruhig, drehten um, wir ließen es geschehen denn wir hatten alle das Gefühl hier weg zu müssen. Im wegreiten sahen wir ein Schild mit der Aufschrift „Geistermühle“. Wie gruselig. Wir ritten wieder querfeldein, ein Stück von der Mühle entfernt Richtung Wald und kamen dann auch ohne weitere Vorkommnisse dort an. Nun war es windstill, sehr ruhig und wir genossen es mit den Pferden gemütlich durch den Wald zu reiten, nach der Aufregung von eben. Trabten ein bisschen um schneller vorwärts zu kommen, fielen wieder in den Schritt. Wir wurden ein bisschen müde, rochen einen angenehmen, süßlich warmen Duft. Was mochte das sein? Uns wurde ganz warm, wir fühlten uns geborgen, träumten vor uns hin. Zeit wurde unwichtig. Da merkte ich wie Silvy und Caniossa plötzlich nach rechts in den Wald abwendeten, sie schienen gar nicht zu merken was da passierte. Ich wachte auf, weckte Aquino die auch etwas abwesend schien und Ritt auf die anderen zu, packte Caniossa am Zügel, führte sie energisch wieder Richtung weg, was auch die Beiden wieder aus ihrem Halbschlaf riss. Wir sahen uns recht verunsichert an und als uns klar wurde was da gerade passierte, trabten wir an. Bloß schnell weg hier... Wir ließen uns von keinem Duft mehr beeindrucken, wenn es auch manchmal schwer wurde und im vorbeitraben sahen wir ein Schild mit der Aufschrift „Geisterwald“. Nach etwa einem Kilometer kamen wir auf eine Wiese am Ende des Waldes, die Sonne kam wieder ein bisschen zum Vorschein, aber sie stand schon tiefer. Wir ritten an eine Straße und auf einem Fahrradweg kamen wir dann nach etwa zwei Kilometern endlich zu unserem Tagesziel wo wir auch schon von Christiane und dem Hofbesitzer erwartet wurden. Natürlich mussten wir erklären weshalb wir so lange unterwegs waren, aber dafür war auch noch später Zeit. Wir versorgten die Pferde in einem Unterstand mit zwei aus Pannels gebauten Boxen. Mein hysterisches Pferd rannte auf und ab und benahm sich wie eine Irre. Ihr gefiel es natürlich auch hier nicht, aber was soll man machen. Wir gingen dann erst mal ins Haus und zogen uns um. Als ich den Reitschuh ausgezogen hatte, stellte ich fest das ich auf den Fuß den Aquino am Brunnen in der Mangel hatte nicht mehr drauftreten konnte und der Versuch in die anderen Schuhe zu kommen schlug fehl weil es so weh tat. Da ich ja sehr viel mit laufe beim Wanderreiten fand ich dieses Problem nicht sehr gut. Zum Glück hatte Silvy Voltaren dabei, was sie auch vorher auf die Stelle an der Caniossa den Tritt abbekommen hatte, geschmiert hat, und dieses probierte ich dann an meinem Fuß aus. Ich zwängte mich dann in den Schuh und siehe da, nach einigen Minuten tat an dem Fuß fast nichts mehr weh. Voltaren ist echt ein Wundermittel, auch ein so misshandelter Fuß ist nach kurzer Zeit absolut schmerzfrei. Dafür war ich auch die nächsten Tage noch einige Male dankbar, denn sobald die Wirkung nachließ merkte ich das es dem Fuß ja nicht ganz so gut ging. Wir gingen dann ganz und gar wunderbar essen und erholten uns langsam von den Strapazen des Tages (wir waren hier in einer sehr guten Gastwitschaft gelandet (Schuhfranz in Liptingen)). Danach guckten wir noch mal nach den Pferden und fanden zu unserem Erschrecken eine zitternde und schwitzende Caniossa vor. Wir deckten sie ein und holten den Tierarzt. Dieser konnte auch nichts genaueres feststellen und Caniossa erholte sich wieder etwas, aber unser weiterreiten am nächsten Tag war natürlich schwerst in Frage gestellt. Woran mag es gelegen haben? War es doch durch Aquinos Tritt? War der Ritt zuviel für Caniossa, obwohl sie ja bestens trainiert war da wir vorher Monate lang täglich Ritte zwischen 2 und 6 Stunden gegangen sind und das nicht langsam? Sie hatte sich im Gegensatz zu Aquino ja auch Nachts weitgehend erholt.

Naja, nach dem Schock gingen wir dann wieder ins Haus und setzten uns bei dem einen oder anderen Alkoholischen Getränk an den Stammtisch und unterhielten uns besonders über den nächsten Tag. Klar war, wenn wir wieder so „zielgerichtet“ reiten würden wie die letzten 2 Tage, bräuchten wir das mit Caniossa nicht zu versuchen. Eigentlich war es ja gar nicht so weit bis zu uns nach Hause. 3 oder 4 Stunden vielleicht. Vorausgesetzt wir würden den Weg gleich finden. Unser Wirt , selber erfahrener Wanderreiter nahm sich also unserer an und machte sich auch Gedanken darüber wie man es schafft vom Stockfelder Hof bis zu ihm 7 Stunden zu brauchen. Er kam dann zu dem Schluss, dass die Karte die wir dabei hatten nicht sehr viel mit der Realität zu tun hatte, denn viele Wege die darauf waren gab es nicht und Wege die es gab standen nicht auf der Karte. Er bot uns an, falls wir am nächsten Tag weiter reiten würden, uns eine Karte zu kopieren die sehr realistisch und genau die Wege darstellte. Dazu kam noch, dass der Weg der nach Hause führen würde, in nächster Nähe an seinem Hof vorbei ging und wahrscheinlich der best angezeichnetste Wanderweg Süddeutschlands (Heuberg-Allgäu-Weg) war und auch an unserem Heimathof direkt vorbei führte.

Falls es Caniossa also wieder gut ginge könnte man unter diesen Umständen weiterreiten.

Wir quatschten noch ein bisschen, guckten noch nach den Pferden und gingen dann ins Bett.

 

28. 4. 2004 - 3.Tag

Am nächsten morgen fanden wir eine so weit fitte Caniossa vor und eine immer noch genervte Aquino. Wir entschlossen uns also zum reiten. Wir packten unsere Sachen, bedankten uns und ließen uns noch ein paar leckere, belegte Brote für den Ritt machen. Dann wurde uns noch einmal ganz genau erklärt wie wir wirklich sicher auf den Wanderweg kamen und so sattelten wir die Pferde und brachen auf, mit einer noch nicht so bedrohlichen, aber doch vorhandenen Gewitterwolke im Nacken.

Tatsächlich fanden wir den Weg und uns wurde nicht zuviel versprochen. Der Weg war wirklich Idiotensicher angeschrieben, also bestens für uns geeignet. So kamen wir recht zügig voran, im leichten Sonnenschein, aber immer noch die Gewitterwolke im Nacken. Wieder kamen wir durch kleine Orte in denen ich wieder mehrfach den undurchdachten Kommentar brachte, das so ein kleines Kaff Aquino und mich jetzt nicht mehr erschrecken könne.... Wie auf Kommando erschreckte sie sich natürlich wieder vor nichts und wieder nichts. Wir kamen dann zu dem Schluss, auch weil das nicht die erste derartige Erfahrung war, dass positives Denken hier absolut nicht angebracht war und schauten panisch auf die riesige Gewitterwolke die immer noch drohend hinter uns lauerte und immer größer wurde. Als sich dann vor uns im Tal Hoppetenzell auftat, wo wir durch mussten, machte ich vorsorglich schon mein Testament. Denn wenn wir dort unten nicht vom Lastwagen überfahren würden, würde uns sicher der Blitz erschlagen. Die Gefahr sowohl vor als auch hinter uns, wagten wir uns also in den Ort und unterhielten uns auch laut und deutlich darüber, das wir da sicher nicht unverletzt rauskommen würden und bedachten auch das Gewitter in unseren Reden ausgiebigst.

Wir kamen tatsächlich, man glaubt es kaum, ohne irgendwelche größeren Vorkommnisse durch den Ort. Negatives Denken schien sich also zu bewähren. Vor uns lag nun aber ein ganz schön langer steiler Berg den wir hoch mussten, was für Caniossa, die soweit zwar noch einen ganz guten Eindruck machte, eine recht hohe Belastung sein würde. Wir liefen dann alle 4 den Berg hoch, meinen Fuß spürte ich ja dank Voltaren nicht mehr. Oben angekommen wollten wir todesmutig, trotz dem Gewitter das schon gefährlich nah war, eine Pause für die Pferde einlegen. Wir machten ihnen die Halfter drauf, ließen sie grasen und aßen selbst ein Brot. Nebenbei zitterten wir ängstlich vor unserem nahenden, scheinbar unausweichlichen Tod in Form dieses Gewitters, denn es war schon windig. Als wir wieder losritten schien das Unheil schon unausweichlich und wir schickten noch einmal ein Stoßgebet zum Himmel. Bald kamen wir in den Wald und siehe da, etwas Sonne schien durch die Blätter und im Vorbeireiten rief ich noch einem auf einer Wiese liegenden Liebespaar zu, dass sie aufpassen sollen, es sei ein Gewitter hinter uns her. Aber das Gewitter kam und kam nicht. Ab diesem Zeitpunkt hatten wir schönsten Sonnenschein. Also, entweder war es dem Gewitter zu langweilig wenn es uns nicht beweisen konnte, das wir Unrecht hatten und uns nicht ahnungslos überfallen konnte, oder es hat uns im Wald einfach verloren und ist enttäuscht heim gezogen. Armes Gewitter. (Vielleicht hatte es sich aber auch mit dem Liebespaar zufrieden gegeben?) Naja, eines schienen wir jedenfalls gelernt zu haben und das war dass man immer negativ denken muss.

Wir kamen, man glaubt es kaum, auch langsam immer näher Richtung Heimat. Eine kleinere Orientierungslosigkeit gab es aber doch noch und zwar weil der Wanderweg in Form von Treppen durch einen schmalen Tobel führte. Hier sind wir also den laut Karte am Besten aussehenden Weg geritten, sind einmal falsch abgebogen, merkten aber bald dass das vielleicht nicht der richtige Weg war und kehrten zum Glück um bevor wir einen unwegsamen Holzfällerweg weiter geritten wären. Nun ritten wir fast nur noch nach Gefühl und kamen nach diesem höchstens 10 Minuten langen Abstecher, tatsächlich nach kurzer Zeit über einen Hof, an eine Straße auf deren anderer Seite sich unser tägliches Ausreitgelände erstreckte. Ich glaubte man höre die Pferde erleichtert, wenn auch ungläubig, schnauben und auch wir waren froh im Sonnenschein wieder hier anzukommen, denn nun waren ja keine größeren Gefahren mehr in Aussicht. Wir machten, weil uns wieder ein Berg bevorstand noch einmal Pause, denn Caniossa machte nun langsam einen müderen Eindruck. Nach der Pause führt Silvy ihre Stute die restlichen Kilometer und ich Ritt um meinen Fuß zu schonen, denn meinem Pferd ging es ja noch prächtig.

Und wie wir so geritten sind, hatten wir den Eindruck unsere Pferde sprechen zu hören. „Toll, dieser Wald, der sieht ja aus wie bei uns zu Hause“... „diese Kurve... dieser Baum... das es solche Ähnlichkeiten gibt“, „unglaublich“, „vielleicht sind wir ja zu Hause?“ „Das wäre zu schön um wahr zu sein“. Die Pferde liefen also geschafft, aber glücklich schnaubend, nach Hause und waren noch glücklicher als wir nachher tatsächlich unseren Hof sahen. Dort kamen die Beiden dann endlich wieder in ihre eigenen Boxen und konnten sich wieder richtig gut ausruhen, nachdem sie ein leckeres Mash genossen hatten.

Auch wir waren froh wieder halbwegs gesund zu Hause angekommen zu sein.

Der Ritt war schon sehr schön und ganz sicher unvergesslich. Gelangweilt haben wir uns jedenfalls nie. Wenn auch einige nicht ganz ungefährliche Situationen dabei waren und man gerade die Sache mit der Wegfindung wohl einfach sehr nachsichtig unter „erster Wanderritt“ abhaken musste.

Interessant war auch, das wir für die 3. Etappe am wenigsten Zeit gebraucht hatten, sie aber auf der Karte die längste Strecke war.

Wir wussten jedenfalls schon an diesem Tag einige Sachen die wir nächstes mal anders machen würden und waren entschlossen einige Wochen später einen längeren und vielleicht weniger chaotischen Ritt folgen zu lassen.

Dazu kam es nicht und wird es auch nie wieder kommen denn 4 Wochen darauf hat Aquino wenige Tage vor dem Ritt durch einen Schlag einen Sehnenschaden bekommen, der sie aus ihrem hervorragenden Trainingszustand 10 Wochen lang in die Box verbannte. Wir durften gerade noch einmal am Tag kurz spazieren gehen.

Wahrscheinlich war es Schicksal und vielleicht hat der liebe Gott sich ja gedacht das wir lieber mit einem Sehnenschaden kämpfen als bei einem langen Wanderritt irgendwelche schlimmen Unfälle zu verursachen.

Aquino wurde nach dem Sehnenschaden noch einmal etwas fitter. Dann kam der Chip und nun lahmt sie immer noch ein bisschen, mal mehr, mal weniger, aber wir wissen sicher, dass das unser erster und letzter Wanderritt war. So eine Belastung kann man ihr wohl nicht mehr zumunten.  

Es war jedenfalls unvergesslich, besonders wenn ich daran denke wie sie damals gelaufen und gelaufen ist, ohne müde zu werden, taktklar, ein einziges Energiebündel und das in ihrem damals auch schon recht fortgeschrittenen Alter von 17 Jahren.


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